Stolpern zum Gedenken

„Ich bin ein wenig nervös, vor so vielen Leuten zu sprechen“, sagt Frau Simon. Die Frau schaut erneut unsicher auf einen Zettel, den sie zitternd in ihren langen schmalen Fingern hält. Sie ist vom Leben gebeugt. Einundneunzig Jahre ist sie alt. Das weiße Haar hat sie glatt nach hinten gekämmt. Sie trägt einen blauen Mantel. Für den besonderen Anlass hat sie sich schick gemacht. Graue Wolken jagen über den Himmel. Kühl streicht der Wind an diesem 20. September 2016 durch die Münchner Straße. Es ist Herbst geworden. Getragene Violinenklänge summen durch die Luft. An der Hausnummer 31 bereitet Gunter Demnig das Setzen des Steines vor. Eine kleine Menschenmenge hat sich an diesem Nachmittag auf den Weg gemacht. Neben Vertretern der Stadt sind auch eine Reihe älterer Menschen darunter. Außerdem sind Schüler aus der Montessori-Schule Chemnitz gekommen. Die Klassen 8, 10 und 11 des Gymnasiums sowie die Klasse Holunder der Mittelschule. Sie alle schauen auf den Stein mit der quadratischen Messingplatte, der eben mit Zement in der Erde verankert wird. Der Name „Curt Schubert“ ist in das Metall graviert. Sinnbildlich Stolpern soll man über diesen Stein. Eine Aktion, die bundesweit an Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen.

In der Wohnung unten rechts habe Curt Schubert gewohnt, erinnert sich Frau Simon. Ihr Vater, Ernst Enge, schickte sie 1944 hinüber in die Münchner Straße, nachdem ihnen Männer der GESTAPO auffielen, die das Haus beobachteten. Die Nachbarn gaben Auskunft. Curt Schubert war bereits verhaftet und in das Zuchthaus Waldheim transportiert worden. Am 11. April 1945 wurde er von den Nationalsozialisten wegen Hochverrat zum Tode verurteilt. Das Vorrücken der Alliierten verhinderte jedoch die Vollstreckung. Nach dem Krieg beteiligte sich Curt Schubert am Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt Chemnitz, als er 1946 auf offener Straße zusammengeschlagen und ermordet wurde. Er sei ein Mitglied des Widerstandes gewesen, ein aufrechter Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, für Freiheit und Gerechtigkeit. Ein guter Mann.

Die alte Frau macht eine Pause. Sie sucht nach Worten, schaut auf ihren Zettel. Sie wollte eigentlich noch mehr erzählen, sagt sie, aber die Aufregung. Sie bricht ab. Zögernd geht sie vier Schritte vor und legt eine weiße Rose auf den Gedenkstein. Andere folgen ihr. Sie freue sich, sagt sie noch, dass so viele Schüler anwesend seien, denn es sei wichtig, dass sie davon erführen. Von der grausamen Zeit damals, von der schrecklichen Willkür und den tapferen Menschen, wie Curt Schubert. Sie fordert die Kinder auf, es ihnen gleich zu tun und für Frieden und Gerechtigkeit einzustehen.

Später zurück in der Schule berichten die Kinder. Es ist viel, was sie behalten haben. Sie bewundern den Mut der Frau Simon, vor so vielen Menschen zu sprechen, bedauern das Schicksal Schuberts, der, obwohl er der Todesstrafe entgeht, nach dem Krieg ermordet wird. Sind froh, sagen sie, bei der Verlegung des Stolpersteins dabei gewesen sein zu sein. Es sei eine interessante Erfahrung gewesen. Der Stein habe wie pures Gold geglänzt. Sie verstehen nicht, warum Curt Schubert sterben musste. Sie stellen Fragen. Spontan greifen einige zu Büchern, die sie lesen wollen. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Damals war es Friedrich“, „Ein Kind von Noah“ und „Die Bücherdiebin“. Sie wollen mehr erfahren, wollen erleben, wollen begreifen. Plötzlich erinnern sie sich an andere „goldene“ Steine in der Stadt, über die sie stolperten ohne zu begreifen. Mit einem Mal ergeben sie einen Sinn. Sie erkennen, dass hinter jedem Stein ein Schicksal steht, an das zu denken nicht vergessen werden darf.

Bilder...

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Veröffentlich in der Kategorie "Oberschule", "Gymnasium" am 23.09.2016

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