Eine Ehrung dafür, Mensch zu sein

Ein wenig scheint er die Situation zu genießen. Vielleicht ist es eine Art der Genugtuung. Die späte Ehrung durch eine Stadt und ihre Einwohner, die ihm in seiner Jugend so viel Unrecht und Leid zufügte. Es ist Donnerstag, der 11. Mai 2017 kurz nach 18.00 Uhr. Der einundneunzigjährige Justin Sonder durchschreitet leicht gebeugt den Mittelgang des großen Saales im Kraftwerk e. V. Chemnitz. Die Blicke der Anwesenden sind auf den Mann gerichtet, der als Jude in Chemnitz geboren, erst mit ansehen musste, wie seine Eltern verhaftet wurden und später selbst die Grauen des Konzentrationslagers „Auschwitz“ ertragen musste. Er hatte überlebt, das Lager, sechzehn Selektionen und den Todesmarsch. Trotzdem führte ihn sein Weg zurück in die Heimat, in das Deutschland, das ihm seine Mutter nahm und ihn in die „Hölle“ schickte. Er wollte helfen, sagt er später, eine neue Zukunft aufzubauen. Erst wörtlich mit Hammer und Meißel, später als Mitglied der Kriminalpolizei.

Seit 25 Jahren geht er unermüdlich in die Schulen, um den Kindern seine Geschichte zu erzählen. In einer Zeit, in der öffentlich Intoleranz und Rassismus auf den Straßen propagiert werden, muss man aufklären. Die tätowierte Häftlingsnummer auf seinem Arm ist ein Zeichen, was Menschen bereit sind, einander anzutun. Um zu verhindern, dass dieses Unrecht jemals wieder geschehen wird, dafür geht er auch mit einundneunzig Jahren noch in die Schulen. Aus diesem Grund wurde ihm von der Stadt Chemnitz am 21. April 2017 die Ehrenbürgerwürde überreicht.

Der Abend im Kraftwerk soll ein Abend für Justin Sonder sein, ihn zu ehren und ihm zu danken. Nicht er müsste stolz sein auf seine Auszeichnung, die Stadt Chemnitz müsste stolz sein, so einen Bürger zu haben, heißt es in der Eröffnungsrede.

An diesem Abend ist auch die Montessori-Schule geladen. Mehrere Male war Justin Sonder in der weiterführenden Schule, zuletzt vor zwei Jahren. Paul Stockmann und Lilly Retzbach, beide Klasse 8/9 A, sowie Wiebke Sasse, Klasse 10, haben ein Grußwort vorbereitet, in dem sie von ihren Empfindungen sprechen. Am Eindrücklichsten ist ihnen eine Erzählung in Erinnerung geblieben, in der ein Junge im Konzentrationslager als Exempel vor allen Häftlingen gehängt wurde, weil er vor Hunger ein Stück Brot gestohlen hatte. Er starb mit dem Wort „Mama“ auf den Lippen. Justin Sonder ist ein Teil unserer Schule. Er ist auf Plakaten, Bildern und in den Erinnerungen der Kinder präsent. Sie danken ihm für sein Engagement, dafür, dass er seine Erlebnisse mit ihnen teilt und sich immer wieder von neuem seinen Erinnerungen aussetzt.

Gerührt nimmt Justin Sonder unter dem anhaltenden Applaus der Anwesenden eine Grußkarte der Schule und ein gerahmtes Bild entgegen. Es ist ein bunter Abend. Grußworte, musikalische Beiträge, Videoeinspielungen und ein Interview mit dem Ehrengast. Wenn er erzählt hat man das Gefühl, als falle das Alter von ihm ab. Er berichtet von Auschwitz, seiner Befreiung, seinem Leben nach dem Krieg und wie er zur Kriminalpolizei gekommen ist. Alle Gäste hängen förmlich an seinen Lippen. Es gibt Blumen und Präsente von Weggefährten, Vertretern der Stadt und der Politik. Immer wieder brandet Applaus auf, der nicht enden will. Im Schlusswort wird eine Anekdote zitiert. Bei einer Veranstaltung in einer Schule wurde Justin Sonder gefragt, ob er denn auch ein guter Deutscher gewesen sei. Nach kurzem Überlegen antwortete dieser, dass er die Frage nicht beantworten könne, aber er habe immer versucht, ein guter Mensch zu sein. Die Vertreter der Schule haben die Gelegenheit genutzt, Justin Sonder erneut in die Montessori-Schule einzuladen. Mit seinem unbändigen Lebenswille und seiner großen Lebensfreude ist er ein lebensbejahendes Vorbild und eine Bereicherung in unserem pädagogischen Schulalltag.

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Eine Ehrung dafür, Mensch zu sein
Eine Ehrung dafür, Mensch zu sein
Eine Ehrung dafür, Mensch zu sein
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Eine Ehrung dafür, Mensch zu sein

Veröffentlich in der Kategorie "Oberschule" am 15.05.2017

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