Eine Bande Musiker geht um im Schulhaus

Ein großer dunkler Mann mit schwarzem Bart und wilden Locken steigt die Stufen hinauf in den zweiten Stock der weiterführenden Montessori-Schule Chemnitz. Wenn er lacht, schallt es laut von den Wänden des Gebäudes. Ein Anderer taucht auf. Er ist hager, trägt eine Brille und seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ein Dritter hat einen runden Bauch und einen kahlen Kopf. Ein Vierter ist lang, trägt eine Brille mit dunklem Rahmen und kurze schwarze Haare. Ein Fünfter ist klein und hat lange Haare, die ihm weit denn Rücken hinab reichen. Ein Sechster hat kurze Stoppelhaare, einen Bart und trägt eine Mütze. Fremde Männer, die geschäftig große dunkle Behälter in die Schule schaffen. So unterschiedlich sie aussehen, so unterschiedlich ist ihre Herkunft. Der eine kommt aus Syrien, der andere aus dem Irak. Einer kommt aus Russland, der andere hat spanische Eltern, zwei weitere kommen aus dem Vogtland, eben weil ihre Großeltern nach dem Krieg aus Schlesien fliehen mussten.

„Ich denke, wir spielen erst einmal etwas,“ sagt der mit den langen Haaren. Die Männer öffnen die großen schwarzen Koffer und entnehmen ihnen verschiedene Instrumente. Es ist Mittwoch, der 14. Dezember 2017. Was in den kommenden Minuten folgt, ist nicht zu beschreiben. Zwei Trompeten, eine Posaune, ein Cello, Trommeln und eine Oud bringen die Männer zum Klingen. Eine zarte fremdländische Melodie schwebt eben noch durch den Raum und bald bricht ein wildes Gewitter sich ergänzender Klänge und Soli los, die keinen Fuß stillhalten. 24 Schüler und zwei Pädagogen der Holunder-Klasse starren mit leuchtenden Augen begeistert auf die sechs Musiker, die diese mitreißenden Töne erzeugen und so völlig in ihrer Musik aufgehen.

Die Musiker sind ein Teil der „Banda Internationale“, eine Vereinigung von Musikern unterschiedlicher Herkunft, die sich ursprünglich zusammentaten, um montags in Dresden gegen die tausenden PEGIDA-Anhänger anzuspielen. Jeden Montag aufs Neue. Ein Zeichen zu setzen für ein Miteinander, für Toleranz und Integration. Zwischen 14 und 20 Musikern sind sie im Schnitt. Musiker aus aller Herren Länder, die zeigen, dass Menschen miteinander leben können. Menschen, die ihre Gemeinsamkeit in der Musik finden. Musik ist international. So unterschiedlich ihre Herkunft, so vielfältig ist auch die Musik, die sie spielen. Und weil das, was sie tun, nicht nur ein Zeichen ist, regnet es Anerkennungen und Auszeichnungen, gab es Fördergelder, spielten sie Auftritte im Dresdner Regierungsviertel, in Oberammergau, in Polen, in Berlin, im Zeithainer Gefängnis, wo Straftäter einsitzen, die vor dem Heidenauer Flüchtlingsheim randalierten und die Polizei angriffen. Zu ihrem Konzept gehört es auch, in Schulen zu gehen, um mit Kindern und Jugendlichen Musik zu machen.

Die Musiker setzen die Instrumente ab und lachen augenzwinkernd in die Runde. „Das war komische Musik, oder?“ Sie lassen die Kinder die Musik beschreiben, die sie eben gehört haben. „Fremd“ ist ein Wort, das fällt. „Orientalisch“, sagt ein anderer. Die Musiker nicken anerkennend. Zunächst stellen sie sich vor. Akram Younus Ramadhan Al-Sira kommt aus dem Irak. Dort studierte er Cello und spielte im National Symphony Orchestra Bagdad. Irgendwann war es nicht mehr sicher. Er konnte nicht mehr gefahrlos durch die Stadt laufen, ohne körperliche Angriffe befürchten zu müssen. Er verkaufte sein Cello, um mit dem Geld aus dem Irak fliehen zu können.

Thabet Azzawi kommt aus Syrien. Seit seiner Kindheit spielt er die Oud, die Mutter aller Saiten-Instrumente, die einer Laute sehr ähnlich sieht und als deren Vorläufer gilt. Azzawi hat Medizin studiert. Er habe einen Eid geschworen, Kranken und Verwundeten zu helfen. Die gibt es auf beiden Seiten eines Bürgerkrieges. Doch die jeweils eine Seite mag es nicht leiden, wenn dem Gegner geholfen wird. Irgendwann landete Azzawi auf einer schwarzen Liste und floh in den Jemen und geradewegs in einen weiteren Bürgerkrieg. Zweimal musste er seine wertvolle Oud verstecken, eines der letzten Instrumente des berühmtesten Oud-Bauers aus Syrien. Zwei Bürgerkriege hat sie überstanden nur auf dem Postweg aus der Türkei nach Deutschland mit einem deutschen Paketdienst wurde sie total zerstört. Ein befreundeter Instrumentenbauer aus Dresden brachte sie wieder zum Klingen. Heute studiert er Medizin in Dresden und spielt in der „Banda“ seine Oud.

Sascha Valnov kommt aus Russland. Er hat Musik studiert und spielt Trompete. Und dann ist da eben noch der Felix aus dem Vogtland. So hat jeder seine Geschichte und seinen Weg. Wege, die sich in Dresden kreuzten und zu einer Band zusammenführten.

Die Klasse wird nun in drei Gruppen geteilt. Eine Gruppe besteht aus Kindern, die ein Instrument spielen. Darunter sind Cello, Violine, Blockflöte und mehrere Gitarren. Die beiden anderen Gruppen teilen sich in Gesang- und Rhythmusfraktion und werden später wechseln. Einen ganzen Vormittag lang üben die Kinder. Zusammen mit den Musikern der „Banda“ lernen sie drei Lieder, den Text, die Melodie und die Begleitung durch Instrumente und Trommeln. Später, nach dem Mittag, wird ein Konzert im Theaterraum der Schule stattfinden. Viele Schüler und Pädagogen kommen, um dieses Spektakel zu erleben. Das Üben und Proben konnten sie bereits durch die Wände verfolgen. Die Musiker spielen zusammen mit den Schülern. Immer wieder animiert Akram das Publikum zum Mitmachen, Singen und Tanzen. Am Ende spielt die Band noch einige Stücke allein. Spätestens jetzt hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Stampfende Füße, klatschende Hände und nickende Köpfe. Das Publikum gleicht einem wuselnden Ameisenhaufen. Dieses einmalige Erlebnis geht viel zu schnell vorbei. Zu zeitig wird der letzte Song angekündigt. Noch einmal wird die Band zur Zugabe gefordert. Das Publikum möchte einen Schluss nicht akzeptieren. Das Sensationelle an dem Engagement der Musiker ist, dass sie extra aus Dresden kommen, einen Vormittag mit den Kindern Musik machen, anschließend ein kleines Konzert geben und das alles komplett kostenlos. Spontan wird unter den Pädagogen Geld gesammelt. Abschließend wird der Band eine ansehnliche Spende überreicht, welche die Musiker gerührt und etwas verlegen entgegen nehmen.

Sie haben sie „Banda Internationale“ gegründet, um gegen PEGIDA zu demonstrieren, aber immer das „Dagegen sein“ sei so unbefriedigend, weil man sich daran aufreibe. Stattdessen solle man „für“ etwas sein. Integration sei das richtige Mittel. Ein Miteinander, das zeigt, dass man sich ergänzt und dass jedes Ergänzen bereichernd ist. Die „Banda Internationale“ ist der beste Beweis dafür. Einzelne Musiker aus aller Welt, mit unterschiedlichen Instrumenten und kulturellen Wurzeln machen gemeinsam Musik und ergänzen einander. Das Ergebnis ist etwas, dass die Menschen mitreißt und begeistert. Ein Tag zusammen mit diesen Musikern ist für Kinder ein Gewinn, den man so nur in einem persönlichen Miteinander erleben kann.

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Veröffentlich in der Kategorie "Secondary school", "Holunder" am 08.01.2018

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