Wider das Vergessen

Noch immer blicken Marx und Engels hinüber zum Mahnmal aus rotem Porphyr und geben der Szene einen schalen Beigeschmack in Erinnerung an Zeiten, als der Antifaschismus staatlich verordnet wurde. Damals wäre der Platz voller Menschen gewesen. Kinder und Jugendliche, delegiert aus den Chemnitzer Schulen, mit Fahnen, roten Halstüchern und blauen FDJ-Hemden. Am 27. Januar gedenkt man der Opfer des Nationalsozialismus. Dass es sich hier nicht um ein ostalgisches DDR-Relikt handelt, zeigt, dass dieser Tag 1996 von der Bundesregierung als gesamtdeutscher, gesetzlich verankerter Gedenktag erklärt wurde. 1945 wurden an diesem Tag die Konzentrationslager in Auschwitz von der Roten Armee befreit. 2005 wurde der Tag von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust erklärt.

Am 27. Januar 2018 kurz vor 10.00 Uhr treiben graue Wolken tief über der Stadt. Den ganzen Morgen hat es geregnet. Auf dem nassen Asphalt spiegeln sich die Polizeiautos. Die Sicherheitsmaßnahmen sind hoch an diesem Tag. Immer wieder nutzen Mitglieder rechter Gruppierungen das demokratische System, Gedenktage wie diesen zu missbrauchen. Vertreter der Stadt, der jüdischen Gemeinde und der Chemnitzer Parteienlandschaft sind vertreten. Nur wenigen Bürgern der Stadt scheint diese Veranstaltung etwas zu bedeuten. An die Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und sie durch das Niederlegen von Kränzen und Blumen zu ehren, scheint aus der Mode gekommen zu sein. Immer wieder wird diskutiert, wie zeitgemäß ein fortwährendes Gedenken an die Opfer des Holocaust noch sei. In einem modernen Deutschland sei das Vorhalten der Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten nicht länger zweckdienlich, als seien die Nationalsozialisten eine ominöse Gruppe von Personen, die das deutsche Volk benutzt und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschwunden sei. Dabei verschweigt man, dass es Nachbarn, Freunde und eigene Großeltern waren, die sich bereitwillig am Holocaust beteiligt haben.

Kinder und Jugendliche sieht man an diesem Tag kaum im Chemnitzer Park der Opfer des Faschismus. Zwei Musiker, die für den kulturellen Rahmen sorgen, haben drei Freunde mitgebracht. Sonst ist nur die Montessori-Schule Chemnitz mit zwölf Schülern vertreten. Das ist bedauerlich, da gerade die lebendige Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte Anlass zur Auseinandersetzung im Ethik- oder Geschichtsunterricht geben könnte. Die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und ein Vertreter der jüdischen Gemeinde kommen zu Wort. Sie zitieren Zeitzeugen und geben so Einblick in die grausamen Erlebnisse und in die Gedankenwelt der Opfer. In Zeiten, in denen der Rassismus so erschreckend offen gezeigt wird, in Zeiten, in denen Menschen anderer Kulturen, Religionen und Hautfarben mit Gewaltbereitschaft begegnet wird, ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen. Jede Gefahr der Wiederholung der schlimmen Ereignisse zwischen den Jahren 1933 und 1945 muss unter allen Umständen vermieden werden. Eine aktive Auseinandersetzung mit unserer Geschichte kann ein entscheidender Weg sein, gegen Hass und Menschenfeindlichkeit anzukämpfen. Darum ist es der Montessori-Schule wichtig, sich aktiv an Veranstaltungen wie diesen zu beteiligen. Dabei geht es nicht um eine politische Einflussnahme gegenüber den Kindern oder die Nähe zu einer bestimmten Partei. Es geht um gesellschaftliche Verantwortung. Das Setzen wichtiger Zeichen, damit in unseren Kindern die Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen zufügten, nicht in Vergessenheit geraten. Empathie, Toleranz und Verständnis zu erzeugen, sind wichtige Grundlagen für eine friedlichere Zukunft, die Zukunft unserer Kinder.

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Veröffentlich in der Kategorie "Oberschule" am 23.02.2018

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