Stolpersteine führen nach Berlin

Baumsilhouetten tauchen aus dem morgendlichen Nebel auf, rasen am Fenster des ICE 1704 von Leipzig nach Berlin vorbei, um alsbald wieder in einem undurchdringlichen Weiß zu verschwinden. Mit bis zu 200 Stundenkilometern fliegt der Zug durch die winterliche Landschaft und trägt 14 Schüler der 8/9/10 A der weiterführenden Montessori-Schule Chemnitz und drei erwachsene Begleiter in die bundesdeutsche Hauptstadt. Es ist Montag, der 21. Januar 2019. Einige Schüler sind seit 4 Uhr auf den Beinen.

Auf Einladung aus Berlin sind die Jugendlichen heute unterwegs. Am 30. August 2018 lernten sie Herrn Dr. Abel in Chemnitz kennen. An jenem Donnerstag wurden in der Stadt zwanzig Stolpersteine verlegt. In der Andréstraße 11 waren es zwei Steine. Einer für Rosa Abel und einer für Hannah Abel. Für einen der beiden Steine übernahmen die Schüler der Montessori-Schule die Patenschaft. Im Anschluss daran forschten die Kinder zu jüdischer Geschichte in Chemnitz. Experten wurden eingeladen, Archivmaterial untersucht, Bücher gelesen. Nicht Jahreszahlen oder allgemeine Abhandlungen, sondern das Schicksal einzelner Personen berührten die Kinder besonders. Wie das von Hugo Fuchs, dem letzten Rabbiner von Chemnitz in der Zeit des Nationalsozialismus oder das von Alice Glaser, der Gründerin eines Montessori-Kinderhauses in den 20er Jahren, die später deportiert und ermordet wurde. In der Folge entstanden Linolschnitte und großformatige Banner, die am Chemnitzer Friedenstag 2019 an der Fassade des Neuen Rathauses präsentiert werden. In der ganzen Zeit gab es einen Austausch mit Herrn Abel in Berlin. Er habe erst von der Existenz jüdischer Vorfahren durch die Anfrage der Stadt Chemnitz erfahren, erklärte er. Darüber wurde in seiner Familie nicht gesprochen. Sein jüdischer Großvater habe eine Christin geheiratet. Darüber sei der jüdische Gedanke in seiner Familie verloren gegangen. Er selbst sei christlich getauft und erzogen. Er fühle keine emotionale Verbindung zur jüdischen Kultur. Die ungeahnte Erweiterung des Familienstammbaums führte zu umfangreichen Recherchen in Chemnitz und Görlitz, zu den Wurzeln seiner Familie. Inzwischen engagiert er sich in dem Berliner Verein „Gleis 69 e. V.“, der an die Deportation von 30.000 Jüdinnen und Juden vom größten Berliner Deportationsbahnhof, dem Güterbahnhof Moabit, von 1942 bis 1944 erinnert.

9:30 Uhr. Der ICE erreicht den Berliner Hauptbahnhof. Dr. Abel, ein älterer Herr mit gepflegtem weißen Vollbart und wachen Augen hinter einer Brille aus schwarzem Draht, begrüßt die Gäste aus Chemnitz. Sein Sohn begleitet ihn am Vormittag. In der Stadt ist es an diesem Tag empfindlich kalt. Dennoch spannt sich ein blauer Himmel über Berlin und eine strahlende Sonne entschädigt für die frostigen Temperaturen. Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn beginnt eine kurzweilige Stadtführung durch die Hauptstadt vorbei an der Museumsinsel, dem Dom, der Baustelle des Berliner Stadtschlossneubaus und dem ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR. Ein Streifzug durch die 782-jährige Geschichte Berlins, beginnend mit der Gründung des Ortes Cölln, dem ersten Markgrafen, Preußens Glorie, Revolutionszeiten, Zerstörung und Teilung bis in die Gegenwart. Geschichten, von denen Herr Abel manche zu erzählen weiß, ist er doch hier geboren und aufgewachsen. Er erzählt von Zeiten, in denen er als Westberliner Schüler an Mai-Demonstrationen im „Osten“ teilgenommen hatte, bevor die Mauer gebaut wurde. Er war anwesend, als John F. Kennedy sich ein Berliner nannte und berichtet von seinen Erlebnissen, als die Mauer fiel. Fotos vergleichen Stadtansichten von heute mit ihrer Vergangenheit.

Schließlich erreicht die Gruppe die Brüderstraße. Hier befindet sich die Vertretung des Freistaates Sachsens beim Bund. Die Schüler werden bereits erwartet. Eine Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit berichtet über die Arbeit der Landesvertretung, die Bedeutung des Bundesrates lädt die Besucher zu einem kurzen Rundgang durch das Haus ein. Das ehemalige Versicherungsgebäude wurde aufwendig saniert und erstrahlt heute in alter Pracht und moderner Funktionalität. Zum Erstaunen der Kinder präsentiert die Frau das ehemalige Direktorenbüro als Arbeitszimmer des Ministerpräsidenten. Wie oft der sächsische Landesvater denn in Berlin sei, wollen die Schüler wissen und warum das Büro einen Fernseher enthalte und wo sich denn Herr Kretschmer im Moment aufhalte. Anschließend sind die Kinder auf einen Mittagsimbiss in dem überdachten Innenhof eingeladen.

Später ist die Gruppe wieder unterwegs. Ihr Weg führt sie durch die Straßen des ehemaligen Regierungsviertels. Nichts erinnert in der Wilhelmstraße mehr an die größenwahnsinnigen Bauphantasien der Nationalsozialisten. Da, wo früher die „Neue Reichskanzlei“ stand, die auswärtige Gäste beeindrucken sollte, stehen heute, wie zum Spott, asiatische und südeuropäische Restaurants in unscheinbarer Nachkriegsarchitektur. An der Stelle des ehemaligen Führerbunkers erinnert heute nur noch eine Informationstafel. Triste Parkplätze der nahen Wohnblöcke sollen einem unangebrachten Gedenkkult keinen Raum geben. Erinnern und Gedenken in unterschiedlicher Form. Auf der einen Seite die getilgten Spuren eines deutschen Verbrecherstaates, auf der anderen Seite der Versuch den Opfern der Nationalsozialisten durch Stolpersteine im Boden ein Gesicht zu geben.

Dass die „Stolpersteine“ zum Projekt in der Schule wurden, entstand aus einer Einladung der Stadt Chemnitz heraus: 2016 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zur weiterführenden Montessori-Schule Chemnitz ein Stolperstein für Curt Schubert verlegt. Der Besuch dieser Veranstaltung weckte bei den Schülern das Interesse, zu Biografien der Opfer zu forschen. Damals entstand auch die Idee, die Patenschaft für einen Stolperstein zu übernehmen. Kein leichtes Unterfangen, wie sich später herausstellen sollte, da in der Regel die Objekte über die Angehörigen realisiert werden, die ein eigenes Interesse an einem Gedenkstein für ihre Vorfahren haben. Durch die Vermittlung der Stadt Chemnitz kam der Kontakt zu Herrn Abel zustande, der sich nach langem Zögern bereit erklärte, die Patenschaft mit für ihn fremden Menschen zu teilen.

Am 21. Januar 2018 stehen die Schüler nun vor dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Hannah und Rosa Abel sind zwei von den 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Kinder begeben sich in die Gassen zwischen grauen Betonblöcken, die bald zu Schluchten werden und die Kinder verschlucken, wie ein Labyrinth. Still streifen die Schüler durch die schmalen Gänge der Anlage und spüren die bedrückende Wirkung am eigenen Leib. Die Blöcke erinnern an Grabsteine jüdischer Friedhöfe. Sie übertragen das Gefühl tiefer Betroffenheit auf die Besucher die sich nur schwer beschreiben lässt, sie zum Verweilen zwingt und zum Nach- und Gedenken anregt.

Weiter führt der Weg zum Brandenburger Tor. Bereits im Vorfeld der Reise erforschten die Kinder die historischen Hintergründe, die zur heutigen Bedeutung des Bauwerks führten. 1793 unter König Friedrich Wilhelm II. als repräsentatives Berliner Stadttor eingeweiht, wurde es bald zum Objekt nationaler Identifikation. Zog vor rund 200 Jahren Napoleon im Triumphzug durch das Tor in die Stadt ein, marschierten die deutschen Soldaten im ersten Weltkrieg durch das Tor hinaus in Richtung Frankreich, feierten Hitlers SA-Truppen wenige Jahre später in langen Zügen mit Fackeln ihren politischen Sieg. Es war Symbol der Teilung und Kulisse für die deutsche Wiedervereinigung. Kein anderes Bauwerk ist so mit deutscher Geschichte verbunden wie das Brandenburger Tor. Einmal durch das Brandenburger Tor gehen. Was lange Zeit unvorstellbare Utopie war, gehört heute zum Standardprogramm eines jeden Berlinreisenden.

Die U-Bahn bringt die Schüler zum Potsdamer Platz. In den vergangenen Jahren ist hier ein neuer Stadtteil entstanden. Die Kinder können sich nicht vorstellen, dass an dieser Stelle die Grenze zwischen zwei deutschen Staaten verlief und der Platz als grenzbefestigende „Todeszone“ jahrzehntelang gänzlich unbebaut blieb. Heute locken hier Einkaufs- und Unterhaltungstempel Einwohner und Touristen zum ungezügelten Konsum. Über die ebenfalls geschichtsträchtige Friedrichstraße, die ehemalige Verbindungsschleuse in den „Westen“, erreichen die Kinder die S-Bahn zum Hauptbahnhof, von wo sie der ICE in Richtung Heimat bringt.

Einer langer und anstrengender Tag geht zu Ende. Die Eindrücke summen noch in den Köpfen. Gesehenes und Gehörtes muss in Ruhe verarbeitet werden. Der Abschied von Herrn Dr. Abel war herzlich gewesen. Händeschütteln, Winken, ein sich Versprechen, den Kontakt aufrecht zu halten. Der Zug mit den Schülern verlässt den Bahnhof, Herr Abel bleibt zurück. Eine Verbindung die auf zwei kleinen Steinen basiert, die in einem Chemnitzer Fußweg eingelassen, an zwei Frauen erinnern, die Opfer des Holocaust sind. Zwei Namen, von der Geschichte verschluckt, zurück ans Licht gebracht. In der Gesellschaft werden Stimmen laut, die Geschichte ruhen zu lassen, nicht ständig die Schande der deutschen Vergangenheit hervorzukehren. Die Täter und Opfer seien tot. Irgendwann muss es genug sein. Laute Stimmen in Zeiten, wo offen gegen Ausländer gehetzt wird, wo Anschläge auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz verübt werden. Irgendwann muss es genug sein? Die Süddeutsche Zeitung berichtete im November 2018, dass einer Studie zufolge 40 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 34 Jahren nach eigener Einschätzung wenig bis nichts über den Holocaust wissen. Eines der größten Verbrechen von Menschen an Menschen darf niemals in Vergessenheit geraten. Es ist wichtig gerade junge Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Es ist ein dunkles Kapitel unserer Vergangenheit, ein grausames und angsteinflößendes Thema und gerade deshalb ist es so wichtig, die Erinnerung aufrecht zu erhalten, um unseren Kindern Respekt allen Menschen gegenüber zu vermitteln und in ihnen den Wert einer friedlichen Gesellschaft zu verankern.

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Veröffentlich in der Kategorie "Oberschule" am 10.03.2019

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