Starke Frauen

Es ist Dienstag, der 03. März 2020, der Abend senkt sich über Chemnitz. Zahlreiche Kinder, Eltern, Großeltern, Kollegen eilen durch den nasskalten Regen über den von Bauzäunen umringten Platz vor dem Tietz an der Bahnhofstraße. Angekommen in den Räumen der Neuen Sächsischen Galerie begrüßt man sich herzlich, kommt ins Gespräch miteinander. Jeder sucht sich einen Platz, viele jedoch finden keinen mehr und bleiben einfach hinter den Stuhlreihen stehen. Minutenlang ist es mucksmäuschenstill. Auf der Bühne zeigt eine Projektionsfläche Portraits einer Frau, die mittlerweile vielen bekannt geworden ist – Alice Glaser.

Mädchen in schwarz-weißer Kleidung huschen über die Spielfläche und schon geht es los. Wir befinden uns mitten in Chemnitz im trubeligen Leben der 20er Jahre. Eilende Menschen, tanzend die flotten Tänze der goldenen Zeit, und in der Menschenmasse dabei die junge Alice Glaser. Eine unbeschwerte Kindheit inmitten der Chemnitzer Innenstadt. Aufgewachsen am Roßmarkt (heute Rosenhof), Kind einer Kaufmannsfamilie mit Bekleidungsgeschäft am gleichen Platz, erlebt sie hier das rasante Anwachsen und zum Leben erwachende Chemnitz. Im Schnelldurchlauf begleiten wir sie durch ihr Leben: Schule, Ehe, Kind, Trennung, Studium.

Was zunächst wie eine gutgelaunte Revue beginnt, entwickelt sich jedoch zügig zur bekannten Katastrophe. Anfeindung, Begrenzung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen – Fluchtversuche und Fluchthilfe – Verschleppung, Misshandlung, Hinrichtung. Alice kann ihre Tochter Marianne nach Südamerika retten, ihr selbst gelingt das Entkommen nicht. Sie wird deportiert nach Minsk, später Riga. Zunächst noch im brieflichen Kontakt mit Marianne, verliert sich ihre Spur. Niemand weiß, wann und wo sie sterben musste, geschweige denn begraben ist.

Schülerinnen und Schüler der Oberschule forschten ausgiebig zum Leben von Alice Glaser, über die zunächst so gut wie nichts bekannt war. Und was alles entdeckt und aufgedeckt wurde. Ihr Leben konnte gut rekonstruiert werden. Um dauerhaft an sie zu erinnern, wurde am 5. Dezember 2019 ein Stolperstein für sie verlegt. Das ganze Projekt wurde bereits im Landtag in Dresden zu den Jugendgeschichtstagen von den Schülern vorgestellt.

Die Theaterperformance über Alices Leben erarbeiteten die Schülerinnen der Holunderklasse gemeinsam mit Heda Bayer. Mit ihr wollten sie lebhaft erinnern an die Frau, die in Chemnitz den jüdischen Frauenbund mit unterstützte und den ersten Kindergarten gründete, der die Prinzipien Maria Montessoris praktizierte. Damit gehörte sie in Deutschland mit zu den Ersten, die die damals neue Pädagogik anwandten.

Alice sitzt mit ihrer Tochter Marianne vor dem gepackten Koffer, schenkt ihr zum Abschied ein selbstgebasteltes Quartett. Was niemand weiß – ein Abschied für immer. Noch heute wird in der Familie darüber gesprochen, was Marianne über diese Zeit berichtete, wie sehr die familiäre Katastrophe das Leben, auch das der folgenden Generationen, beeinflusst hat. Das Quartett wird weitergereicht. Von Generation zu Generation.

Die Musik senkt sich, das Leben ist zu Ende erzählt. Betrübte Gesichter, tränenerfüllte Augen. Der Applaus setzt ein, die 70 Zuschauer applaudieren, die Spannung löst sich.

Bloße Geschichte, nicht begreifbar ohne Emotion und Empathie. Durch das Erinnern an dieses Einzelschicksal, erinnern wir aller Opfer des Nationalsozialismus. Ist das immer noch nötig? Ja. Und immer wieder: ja, das ist es.


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Veröffentlich in der Kategorie "Oberschule" am 03.03.2020

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